Schwäbisches Tagblatt, 040818, Im Brennpunkt
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Mit einem Buch gegen die Schlafkrankheit

Die Schlafkrankheit galt als besiegt. Dann förderten Bürgerkriege und Staatszerfall in Afrika die neuerliche Ausbreitung. Jetzt sterben wieder jedes Jahr mindestens 150 000 Menschen an der Epidemie. Im Süden des Sudan kämpfen ein Fotograf und ein Schriftsteller gegen sie an.

Zwei Schlammpisten kreuzen sich. Entlang der Wege stehen Holzhäuser mit Wellblechdächern. Ein Schild glänzt in der Mittagssonne: Yei, Südsudan. Ein paar Läden, eine Bar, eine Polizeistation, eine Kirche und das Krankenhaus. In dieser Gegend, die selbst für den Süden Sudans entlegen ist, verbreiten Fliegen eine der tödlichsten Epidemien Afrikas: die Schlafkrankheit.

Hunderte Kilometer entfernt, in einem der edleren Einkaufszentren Nairobis, bestellen Passanten im Café Cream ihren Tee. An den Wänden hängen Fotos aus Yei. Gestern, erzählt die Kellnerin, haben sich Gäste beschwert, dass ihnen die traurigen Bilder den Appetit verderben. Sie hat ihnen geraten, in eine andere Richtung zu schauen.

Sven Torfinn hat die Fotos gemacht. "Bevor ich nach Yei kam, wusste ich überhaupt nichts über die Schlafkrankheit", gesteht der Niederländer, der seit vier Jahren in Afrika lebt. Inzwischen weiß er, dass jedes Jahr mindestens 150 000 Afrikaner an der Schlafkrankheit sterben. Wer nicht behandelt wird, hat keine Überlebenschance.

Drei Wochen lang hat der 32-jährige Fotograf in den Dörfern entlang des Flusses Yei verbracht. Gemeinsam mit dem kenianischen Schriftsteller Binyavanga Wainaina ist er dorthin gefahren, wo Bauern und Hirten in direkter Nachbarschaft der Tsetse-Fliegen leben. Sie übertragen den Parasiten, der für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich ist. Das Ergebnis von Torfinns und Wainainas Recherchen ist ein Bestseller. Die eindrucksvoll bebilderte Geschichte "Jenseits des Flusses Yei" ist in Nairobis Buchhandlungen ständig vergriffen. "Wir wollten etwas Neues versuchen", erklärt Torfinn, "und haben einen künstlerischen Zugang zu der Krankheit gesucht, auch wenn das zunächst seltsam klingt." Torfinn ging weite Strecken mit Menschen spazieren, trank abends ein Bier mit ihnen und machte immer wieder Bilder in Schwarz-Weiß. Wainaina traf sich mit den Dorfältesten, hörte Legenden, Gedichte, Lieder über die Schlafkrankheit. "Ich habe versucht, über all die Menschen zu schreiben, die wir getroffen haben, und nicht über eine abstrakte Krankheit, die keiner versteht."

Frühe Tests retten Leben

Die Helden in Wainainas Geschichte arbeiten im alten Missionskrankenhaus von Yei. Mitarbeiter des Malteser-Hilfsdienstes fahren von dort aus in die Dörfer und testen Bewohner. Wer den Erreger hat, kommt ins Krankenhaus. In den vergangenen zwei Jahren haben die Malteser 50 000 Menschen untersucht. "Diese Tests sind das wichtigste Mittel, das wir gegen die Schlafkrankheit haben", erklärt Skye Hughes, die Sudan-Koordinatorin der Hilfsorganisation. Dank ähnlicher Programme galt die Epidemie als besiegt, bis Bürgerkriege und Staatszerfall die neuerliche Ausbreitung im Sudan, in Angola und im Kongo ermöglichten.

Nur innerhalb der ersten Woche nach der Infektion ist die Schlafkrankheit einfach zu besiegen. Je länger die Krankheit dauert, desto geringer ist die Chance auf Rettung. Nach spätestens zehn Tagen erreicht der Erreger Nerven und Gehirn. Die Folgen: Schwäche, Appetitlosigkeit, starke Müdigkeit und Schlafanfälle, nach denen die Krankheit benannt ist. Wer dieses Stadium überlebt, ist danach oft geistig behindert. "Das Medikament, das wir in dieser Phase benutzen, stammt aus den 50ern", sagt Hughes. Viele Patienten sterben an den Nebenwirkungen.

Ein neues Mittel ist durch Zufall entdeckt worden: Eine ausgemusterte Creme gegen Hautkrankheiten. "Kein Pharmakonzern steckt ernsthaft Geld in die Forschung gegen die Schlafkrankheit", seufzt Hughes. Mit den potenziellen Patienten, Hunger leidenden Menschen im Südsudan, sei eben kein Gewinn zu machen.