Schwäbisches Tagblatt, 040708, Im Brennpunkt
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Die stille Revolution auf den Reisfeldern

Viele Reisbauern in Asien und Lateinamerika denken radikal um. Sie verabschieden sich von einer tausend Jahre alten Anbaumethode. Der Vorteil der neuen Produktion: Weniger Saatgut, der Wasserverbrauch sinkt, der Ertrag erhöht sich um mindestens das Doppelte.

Mit weit ausgestrecktem Arm hält ein indonesischer Bauer eine Reispflanze in die Höhe. Begeistert zeigt er auf ihre kräftigen Wurzeln und ihre festen großen Reiskörner. Er hat doppelt so viel geerntet wie sonst. Dafür brauchte er keine neue Reissorte und keine Gentechnik. Die traditionellen Anbaupraktiken wurden nur in einigen Punkten abgewandelt. Es ist wie eine stille Revolution, die sich derzeit auf vielen Reisfeldern Asiens vollzieht.

Das sind gute Nachrichten mitten im Jahr 2004, das die Welternährungsorganisation zum Internationalen Reis-Jahr erklärt hat. Zum ersten Mal gibt eine Nahrungspflanze das UN-Jahresmotto. 840 Millionen Menschen leiden unter chronischem Hunger. Über die Hälfte von ihnen lebt in Ländern, in denen Reis das wichtigste Grundnahrungsmittel ist. Es muss mehr Reis produziert werden.

Die veränderten Anbaupraktiken mit dem sperrigen Namen "System zur Intensivierung des Reisanbaus" (SRI) erzielen an vielen Standorten spektakuläre Ergebnisse. In China, Indien, Sri Lanka und Madagaskar wurden damit bis zu 15 Tonnen Reis je Hektar geerntet. Im Durchschnitt gewinnen die Reisbauern weltweit rund 3,6 Tonnen pro Hektar. Trotzdem reagieren viele Fachleute mit großer Skepsis. Das Verfahren stellt zu viele Grundsätze des bewässerten Reisanbaus in Frage.

"Wir haben viele Beweise, dass es funktioniert, obwohl einige es nach wie vor leugnen," sagt Norman Uphoff, Direktor des Internationalen Instituts für Ernährung, Landwirtschaft und Entwicklung an der Cornell University in New York. Geradezu schockierend scheint die Feststellung, dass der Reis zwar im Wasser überlebt, aber offenbar noch viel besser gedeiht, wenn er bis zur Blüte feucht, jedoch nicht im gefluteten Feld steht.

Weniger bringt mehr

Schon nach acht bis zehn Tagen und nicht erst nach 30 Tagen werden die vorgezogenen Setzlinge umgepflanzt, jeder Setzling einzeln und nicht wie bisher zu mehreren. "Weniger Pflanzen bringen höhere Erträge, obwohl man das überhaupt nicht erwartet," unterstreicht Uphoff.

Auch wenn sich auf den ungefluteten Reisfeldern Unkräuter breit machen, die gehackt werden müssen, überwiegen die Vorteile für die Bauern. Sie brauchen weniger Saatgut und weniger Wasser. Sie ernten auf weniger Flächen mehr Reis und können zusätzlich andere Pflanzen anbauen. Sie haben höhere Einkommen. Auch die Umwelt profitiert, denn die Reispflanzen sind von mehr Sauerstoff umgeben und Bakterien setzen weniger des schädlichen Treibhausgases Methan frei. Sein Fazit: Dieser Anbau erhöht die Produktivität der Anbauflächen, der Arbeit, des genutzten Wassers und schont die Umwelt.

Der Jesuitenpater Henri de Laulanié entwickelte das Intensivierungs-System zusammen mit Reisbauern auf Madagaskar. 20 Jahre lang arbeitete der Agraringenieur aus Poitiers mit Landwirten und Jugendlichen zusammen und baute ein landwirtschaftliches Entwicklungszentrum auf. Als im Jahr 1983 auf der Insel eine ungewöhnliche Trockenheit herrschte, empfahl er den Bauern die Reissetzlinge deutlich früher umzupflanzen. Er glaubte, dass einsetzender Regen ihr Überleben sichern würde.

Das Ergebnis war verblüffend. Die Pflanzen überlebten nicht nur, sondern lieferten auch erheblich mehr Ertrag. Nun macht Laulanié weitere, gezielte Experimente. Setzlinge von zwölf, zehn oder acht Tagen werden angebaut. Die Erwartungen des Paters und seiner meist erwachsenen Schüler werden nicht enttäuscht. Die Ernte bringt doppelt so viel ein wie zuvor. Laulanié verfeinert die Anbaumethode und hält die Ergebnisse der Versuche schriftlich fest. Er schreibt diverse Handbücher zu dem Thema. 1995 stirbt er am Lenkrad seines Citroen 2CV, der zu seinem Markenzeichen geworden war.

Doch erst Ende der 90er Jahre werden die Anbaupraktiken über die Insel vor der Südostküste Afrikas hinaus verbreitet. Während die internationale Agrarforschung sie noch kaum ernsthaft zur Kenntnis genommen hat, machen immer mehr Bauern praktische Erfahrungen damit. Nicht nur in Indonesien kursieren Videos, in denen Bauern demonstrieren, wie das abgewandelte Anbau-System funktioniert. Für Kleinbauern, die oft kaum zwei Tonnen Reis je Hektar ernten, ist die Anbauweise besonders attraktiv, weil keine Extra-Ausgaben entstehen. Auf Interesse der Wissenschaftler stieß die Methode aber schon. Prof. Joachim Sauerborn vom Institut für Pflanzenproduktion in den Tropen und Subtropen der Uni Stuttgart-Hohenheim stellte auf einem Kongress vor zwei Jahren fest, dass der Anbau das bisher für möglich gehaltene biologische Maximum der Reisernte weit übertreffen würde.

So wächst denn auch die Zahl der Bauern und Entwicklungsorganisationen, die sich für SRI begeistern, sprunghaft. In 19 Ländern - von China bis Peru - laufen bereits intensive Versuche.