Schwäbisches Tagblatt, 6.12.05, Lokalteil Tübingen, S. 21
Dies ist ein unveränderter, nur im Layout angepaßter Originalartikel. Das Copyright liegt selbstverständlich bei der Südwestpresse in Ulm.

Säkulares und islamisches Recht

Eine Reformer-Stimme aus dem Sudan: Die Scharia von gestern ist überlebt

TÜBINGEN (upf). Gewinnt in islamischen Ländern das strenge muslimische Rechtssystem, die Scharia, die Oberhand? Der Juraprofessor Abdullahi An-Na'im, vergangene Woche prominenter Gast im Studium generale, glaubt nicht daran.

Der sudanesische Rechtsgelehrte Abdullahi An-Na'im, 60, ist Professor an der Emory University in Atlanta, Georgia. Er gilt international als Experte für Menschenrechte in ihrem kulturellen Kontext, zumal im Islam.
FOTO: Metz

Steinigungen, öffentliche Auspeitschungen und andere brutale Strafen prägen das Bild der westlichen Öffentlichkeit vom Recht in islamischen Staaten. Der gebürtige Sudanese Abdullahi An-Na'im ist ein aktiver Gegner dieser Art von Scharia. 1985, nach der Hinrichtung seines Mentors, des Reformers Mahmoud Mohamed Taha, verließ er sein Heimatland. Der Jurist, der in Cambridge studiert und in Edinburgh promoviert hatte, konnte die Einführung der Scharia nicht mittragen.

Heute - als amerikanischer Professor und inzwischen auch Staatsbürger - kann er wieder in den Sudan reisen. Auch Kritik an der Scharia ist dort möglich. "Das Land hat schrecklich gelitten", sagt er, "und politisch scheint inzwischen klar, dass die Scharia nicht funktioniert." Oppositionsparteien sind wieder zugelassen, für den überwiegend christlichen Süden ist ein Autonomiestatut in Arbeit. Gewiss, da ist das "Desaster Darfour". Die Übergriffe der Milizen gegen die Zivilbevölkerung dort, so furchtbar sie sind, stellt der Rechtsexperte jedoch in einen anderen Zusammenhang: Im Hintergrund stünden innermuslimische Stammesfehden und Verteilungskämpfe, nicht eine Abgrenzung zwischen Islam und dem Rest der Welt.

"Die islamistischen Kräfte sind auf dem Rückzug." Diese für westliche Ohren etwas überraschende These bezieht An-Na'im nicht nur auf den Sudan. "Nur Gewaltakte erregen Aufmerksamkeit" - so erklärt der Menschenrechtler etwa das verbreitete Unwissen über den vergleichsweise geringen Anteil einer Handvoll Scharia-praktizierender Staaten unter den weltweit 44 Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Auch störe sich der Westen bei seinen Geschäften bezeichnenderweise nicht an der Scharia in Saudi Arabien. Andererseits habe er mit dem Irak-Krieg sehr dazu beigetragen, die "säkularen politischen Stimmen" zu unterminieren und den religiösen Fundamentalisten erst den Boden zu bereiten.

Auf lange Sicht sagt An-Na'im jedoch das Scheitern strenger Scharia-Regime voraus - und zwar, weil sie mit modernen Erwartungen der Bevölkerung einfach nicht in Einklang zu bringen seien. Er selbst ist entschiedener Anhänger eines säkularen Staats, also der Trennung von Religion und Politik. "Sie sollte strikter sein, als es selbst in Deutschland der Fall ist", sagt An-Na'im im Gespräch, wieder ein Hinweis auf so einen westlichen Widerspruch.

Allerdings - und hier spricht der Jurist als Kultur-Anthropologe - sieht er angesichts der aktuellen weltpolitischen Konfrontationslinien keine Möglichkeit, den traditionellen, überholten Scharia-Typ durch ein westliches Rechtsmodell zu ersetzen. Sinnvoller sei es, im Koran selbst nach Referenzen für ein offeneres System, für Menschenrechtsgrundlagen zu suchen. Diese seien im politisch unverbindlicheren Mekka-Teil zu finden, der die Offenbarungen des Propheten Mohammed enthält, ehe dieser nach Medina ging und politische Herrschaft begründete. "Im Rückgriff auf den Koran von Mekka bekommt man eine Scharia, die besser den heutigen Bedingungen entspricht." Im Gegensatz zu den politischen Möglichkeiten seien die theologischen hier "sehr groß".