Schwäbisches Tagblatt, 11.1.2006, Wirtschaft | Dies ist ein unveränderter, nur im Layout angepaßter Originalartikel. Das Copyright liegt selbstverständlich bei der Südwestpresse in Ulm. |
"Keine Kampfansage"
Als eine Kampfansage an Hybrid-Motoren will Thomas Weber die neue Technologie zur Stickstoff-Reduzierung bei Dieselmotoren nicht verstanden wissen, aber sie ist natürlich die Antwort auf die von Toyota forcierte Lösung.
"Bluetec ist nicht das Ende von Hybrid", sagt Weber, glaubt aber auch, dass es viele Umsteiger von der Zwei-Motor-Lösung zum sauberen Diesel-Einsatz geben wird. Der Grund: Hybrid-Motoren eignen sich vor allem für Innenstadtfahrten, während sie über Land klare Verbrauchsnachteile haben. Bei einem 5200 km-Test quer durch die USA benötigte der Diesel rund 9,1 Liter pro 100 Kilometer, ein vergleichbares Hybridfahrzeug gut einen Liter mehr.
Dennoch ist der Hybrid-Antrieb eines der beherrschenden Themen auf der Detroit Auto Show. Mercedes-Benz zeigt die Hybrid-betriebene S-Klasse, Opel das Astra-Pendant dazu, die Japaner eine ganze Reihe von Neufahrzeugen, wobei Toyota sein Volumenmodell Camry aufrüstet, und die US-Autobauer zeigen Fahrzeugstudien.
Auch bei den Zulieferern glaubt man an die Zukunft des Doppels von Elektro- und Verbrennungsmotor. "Da steckt viel Potenzial dahinter", ist ZF-Kommunikationschef Matthias Lenz sicher. Deshalb haben die Friedrichshafener eine Partnerschaft mit Continental geschlossen. Erstes Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist ein Auftrag von Volkswagen zur Entwicklung eines Hybrid-Antriebsmoduls, der pünktlich zur Branchenmesse in Detroit bekannt gemacht wurde. Dass sich ZF auf diesem Feld einbringt, ist für Lenz nur selbstverständlich. "Wenn man die Technologieführerschaft in der Antriebstechnik für sich reklamiert, gehört dies natürlich zu unserer Kernkompetenz." Dafür investiert der Zulieferer viel Geld - wie viel, wird nicht verraten. Die Zusammenarbeit mit Conti freilich hat ein klares Ziel: "Wir wollen unsere Ergebnisse allen Herstellern weltweit anbieten."
Lenz erwartet dabei ein durchaus ordentliches Geschäft. Denn nach einer Studie der Marktforscher von Mercer wird der Anteil Hybrid-getriebener Fahrzeuge auf 6,7 Prozent steigen - das wären 1,1 Mio. Fahrzeuge. 2015 könnten es dann schon mehr als 7 Mio. Autos sein, wie die Analysten von Morgan Stanley meinen. Allerdings sind die meisten Experten fest davon überzeugt, dass der Vorsprung des Diesel selbst in den USA, wo die Verkaufszahlen der Selbstzünder dreimal so hoch sind wie die von Hybrid-Autos, erhalten bleibt.
"Der sauberste Diesel der Welt"
Daimler-Chrysler will die Diesel-Welt in den USA mit einer neuen Technologie revolutionieren. Bluetec heißt das System, mit dem sich auch die Stickoxid-Werte unter das von den US-Behörden für das kommende Jahr geforderte extrem niedrige Limit drücken lassen.
Thomas Weber ist felsenfest davon überzeugt: Bluetec wird die Diesel-Welt in den USA verändern. Natürlich muss Weber, der Forschungschef von Daimler-Chrysler, das so sagen. Denn Bluetec ist eine Erfindung seines Hauses, eine Revolution, wie die Daimler-Manager glauben, die mit einer letzten Altlast dieses Kraftstoffes aufräumen will: den Stickoxiden. Sie werden so weit reduziert, dass damit die weltweit strengsten Abgaslimits eingehalten werden. Und weil die in den USA gelten, wird Bluetec auch dort weltweit zuerst eingeführt, in einer E-Klasse 320 CDI.
"Der sauberste Diesel der Welt", jubelte Konzernchef Dieter Zetsche. Ob der Siegeszug des Selbstzünders trotz der verbesserten Umwelteigenschaften in den USA auch einsetzen wird, ist so gewiss beileibe nicht.
Immerhin: Die Voraussetzungen sind gut. Denn auch die Amerikaner stöhnen jetzt plötzlich über hohe Spritpreise. Und sie haben die Vorzüge verbrauchsarmer Fahrzeuge entdeckt. Beide Faktoren sprechen für den Diesel, die nackten Zahlen dagegen. Nur 3,5 Prozent aller Neuzulassungen zwischen Los Angeles und New York sind Diesel-getriebene Autos; rund 550 000 Stück wurden im vergangenen Jahr zugelassen - in Europa sind es 50 Prozent und mehr.
Die geringe Durchsetzungsrate liegt einerseits an Vorurteilen und schlechten Erfahrungen der Amerikaner im Umgang mit Diesel. Andererseits hat die US-Mineralölindustrie die Einführung eines sauberen Kraftstoffes bislang blockiert. Doch von Herbst an wird der in Europa schon lange erhältliche Kraftstoff mit einem Schwefelanteil von maximal 15 ppm eingeführt - bislang sind gut 30 mal soviel zugelassen.
Auf ein ganz anderes Argument, nämlich nationale Erwägungen, setzt Bernd Gottschalk, der Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie. Er macht sich eine Untersuchung der US-Umweltbehörde EPA zu eigen. Diese hat ermittelt, dass die USA täglich etwa 1,4 Mio. Barrel Rohöl einsparen könnten, wenn nur ein Drittel der Pkw und leichten Nutzfahrzeuge mit Dieselmotoren unterwegs wären. Diese 1,4 Mio. Barrel entsprechen der Menge, die die USA täglich aus Saudi-Arabien einführen.
Dass sich Gottschalk für den Diesel so stark macht, liegt auf der Hand. Die deutsche Autoindustrie ist mitsamt ihren Zulieferern weltweit führend in der Technologie. Und wo es gilt, ihre Vormachtstellung auszubauen, bedeutet dies gleichzeitig positive Signale für den heimischen Arbeitsmarkt. "Nur mit technologischem Vorsprung können wir unsere Beschäftigung halten", ist sich Gottschalk angesichts der Kostennachteile hierzulande sicher. Jeder 13. Arbeitsplatz in der Autoindustrie hängt am Erfolg der Hersteller in den USA.
Bluetec ist eine Kombination aufeinander abgestimmter Maßnahmen, an deren Ende eine Stickoxidnachbehandlung einsetzt: über einen Speicher-Katalysator oder über die Einspritzung einer Harnstofflösung, die in einem Zusatztank mitgeführt wird. Mit beiden Systemen lassen sich schädliche Abgase um bis zu 80 Prozent verringern.
"In spätestens drei bis vier Jahren" dürfte Bluetec auch in Deutschand eingeführt werden. Dass es noch so lange dauert, begründet Weber mit unterschiedlichen Anforderungen der Märkte und dem besonderen Blick in Deutschland auf die Verbrauchswerte, während in den USA die Umweltanforderungen im Fokus stehen. Beides müsse dann zusammen optimiert werden. Die Kosten für die neue Technik werden sich nach seinen Angaben in Grenzen halten.