Schwäbisches Tagblatt, 4.1.2007, Im Brennpunkt
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Keine Spur von "Rain Man"

Spezialisten für komplizierte Aufgaben - Sie sind nicht nur im Computerbereich erfolgreich

Beim Wort "Autismus" denken viele entweder an Behinderung oder den Film "Rain Man". Thorkil Sonne sieht in Autisten hoch begabte Menschen, die im Arbeitsleben Aufgaben lösen können, mit denen Nicht-Autisten Probleme haben. Deshalb stellt er gezielt Autisten ein.

Steven ist ein Ass in Sachen Zahlen. Endlose Kolonnen, die einem anderen schon beim ersten Blick den Mut rauben können, sind für ihn wie das kleine Einmaleins. Seine Konzentration erlischt auch nicht, wenn er Stunde um Stunde Ziffern überträgt, am Computer Tabellen erstellt und kontrolliert, dass auch jede Nummer stimmt. Der führende dänische Telekomkonzern TDC hat ihn deshalb angeheuert, damit er die mühselige Papierarbeit mit all den Pin- und Puk-Codes erledigt, die anfällt, wenn ein Kunde von einem Handyanbieter auf den anderen umsteigt. Steven ist Spezialist. Steven ist Autist. Bei der dänischen Zeitarbeitsfirma "Specialisterne" ist das kein Widerspruch. Es ist die Geschäftsidee.

Der Markt wächst

31 Mitarbeiter wie Steven Nyboe Andersen hat Firmenchef Thorkil Sonne inzwischen in seinem Sold, und Konzerne wie Microsoft und CSC zählen zu seinen Kunden. Doch das ist erst der Anfang. Davon ist Sonne überzeugt. "In jedem großen Unternehmen gibt es zumindest ein Prozent der Aufgaben, die meine Leute besser erledigen könnten als dessen Angestellte." Das müsste in Dänemark zumindest 100 Arbeitsplätze ergeben, "und in Deutschland sicher 1000."

Keine Spur von "Rain Man". Als Hollywood, mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle, auf den Autismus kam, hat dies der Krankheit zwar Publizität gebracht, so viel mag Sonne anerkennen. Doch der Film hat ein Klischeebild geprägt, das bis heute negativ nachwirkt. "Mal ehrlich: welcher Arbeitgeber würde einen wie Rain Man einstellen?"

"Wenn andere Autismus hören, denken sie: Behinderung. Wir denken: Möglichkeiten", sagt der Chef der "Spezialisten". Wenn Firmen an behinderte Arbeitskräfte denken, sagen sie: billig. Sonne sagt: marktgerechte Löhne. "Menschen mit Diagnosen im Autismus-Spektrum haben besondere Fähigkeiten. Die kann man ausnützen und dafür soll man bezahlen."

Mit einer Hypothek auf sein eigenes Haus als Sicherheit hat er die Firma vor zwei Jahren gegründet. TDC, sein früherer Arbeitgeber, hat ihm Dienste abgekauft und im Voraus bezahlt. Das war das Startkapital. Noch verbuchen die "Spezialisten" keine Überschüsse, doch die Entwicklung ist rasant. Schon haben sie drei Büros in Dänemark, und die Firma ist auf dem Sprung ins Ausland: Großbritannien, Skandinavien, Holland und Deutschland sieht Sonne als künftige Betätigungsfelder.

Denn bisher, glaubt er, hat man erst "20 Prozent des möglichen Marktes" erprobt. Bisher arbeiten die Spezialisten mit Aufgaben wie Computerprogrammierung oder dem Test von Mobiltelefondiensten bis hin zu Schablonen für Weihnachtskarten oder Briefe eintüten. "Andere Tester verlieren nach dem dritten oder vierten Versuch das Interesse, und dann schleichen sich Fehler ein. Meine Leute sind auch beim zehnten Test hellwach." Deshalb sind die von den Autisten geführten Datenbanken wesentlich weniger fehlerbehaftet. Doch warum sollten sie nicht auch in der Medizinalbranche ihren Mann stehen? In der Buchprüfung? Bei der Steuerfahndung? Ein Steuerprüfer, der akribisch alle Belege durchgeht, ohne dabei die Konzentration zu verlieren?

Sonne hätte sich wohl nie für Autismus interessiert, wenn nicht sein eigener Sohn betroffen wäre. "Lars ist anders", hieß es im Kindergarten, als der Junge drei war. "Infantiler Autismus" lautete die Diagnose. Ein Schicksalsschlag? "Es war hart, zu hören, dass das Kind eine lebenslange, unsichtbare Behinderung trägt," sagt der Vater. Doch er sah auch das Potenzial des sprachlich und mathematisch hoch begabten Jungen.

Stolz nimmt er eine Kugelschreiber-Zeichnung aus der Tasche, die der Sohn machte, als er sechs war. Unschwer sind die Umrisse einer Europa-Karte zu erkennen. Sie ist übersät mit kleinen Vierecken mit Zahlen drin. Sonne wusste nicht, was das war, bis er sich erinnerte, dass Lars tags zuvor in einem Autoatlas geschmökert hatte. Er holte das Buch aus dem Regal. Und tatsächlich: die Übersichtskarte sah genauso aus. Die Ziffern waren die Seitenhinweise. Und jeder von ihnen stimmte.

Autismus, das bedeutete Spezialschule und Frührente. Das konnte Sonne nicht akzeptieren. So gründete er "Specialisterne". Dort machen die, die sich um einen Job bewerben, erst eine fünfmonatige Eignungsprüfung durch, um zu sehen, ob sie auf dem Arbeitsmarkt funktionieren können und für welche Aufgaben sie sich eignen. Dafür bezahlt die Kommune. "Das dänische Wohlfahrtssystem ist nicht imstande, ihnen diese Chance zu geben", stellt Sonne fest. "Zwei von drei können wir anstellen." Wie Steven. Er war schon immer Computerfreak, aber für Jobs reichte es nicht. Bis er zu den Spezialisten kam. "Wenn andere Firmen Tester suchen, wählen sie die mit den besten Zeugnissen. Unsere Leute haben keine Papiere", sagt Sonne. Gefragt sind heutzutage gute Teamarbeit, hohes Stressniveau. Das haben Autisten nicht.

"Wir geben ihnen den Freiraum, ihre Energie in ihrem eigenem Stil zu nützen", sagt der Firmenchef. Das heißt, dass sein Betreuerstab die Kandidaten an ihre Arbeitsplätze begleitet, mit den Verantwortlichen dort Arbeitsklima und Aufgaben bespricht und dafür sorgt, dass sie nicht überfordert werden. Ablenkung in Großraumbüros oder störende Geräusche sind schädlich. Ebenso lange Arbeitstage. "In 25 Stunden verbrauchen Autisten so viel Energie wie andere in 40." Henning Saeiz ist Projektleiter, seine Verantwortung ist der Kontakt zwischen den Kunden und den Mitarbeitern. "Ich kann den Firmen helfen, Aufgaben zu finden, von denen ich glaube, dass sie für unsere Leute geeignet wären. Aber meistens haben sie schon klare Vorstellungen, was sie wollen."

Ohne Disziplin geht nichts

Sonne glaubt, dass die skandinavischen Autisten besonders benachteiligt sind. "Hier legt man den größten Wert auf die sozialen Kompetenzen, die sie nicht erfüllen können." Schon in der Volksschule zählt vor allem Gruppenarbeit. Doch Autisten sind Eigenbrötler. Sie öffnen sich nicht leicht. Früher nannte man so jemand einen "Professortyp", fragte ihn, was 27 mal 42 war, und dachte nicht viel darüber nach, dass er anders war. "Heute muss man sozial sein, um anerkannt zu werden." Dabei stimmt es gar nicht, dass Autisten diese Fähigkeit abgeht, sagt Sonne: "Wenn sie sich geborgen fühlen, sind sie sehr sozial." Dass einige seiner Mitarbeiter sich angefreundet haben und jetzt miteinander ins Kino oder zum Bowlen gehen, rechnet er zu den schönsten Erfolgen seiner Arbeit.

Doch Sonne ist nicht Sozialarbeiter, sondern Unternehmer. Er betreibt keine geschützte Werkstätte, sondern einen Laden hoch qualifizierter Spezialisten. Er kann nicht alle aufnehmen, die gerne kämen. "Wir müssen überzeugt sein, dass sie den Anforderungen genügen, die unsere Kunden stellen." Dazu zählen Arbeitsdisziplin, Aufstehen am Morgen, Einhalten der Arbeitszeiten, was manchen Autisten Schwierigkeiten bereitet. "Wir versuchen, die Rahmen zu schaffen, in denen sie funktionieren können", sagt Sonne. "Autismus ist eine Behinderung. Aber wie sie sich auswirkt, wird von der Umgebung bestimmt."

Text: HANNES GAMILLSCHEG

Online-Redaktion: tagblatt online