Schwäbisches Tagblatt, 14.10.05, Lokalteil Tübingen, S. 27 | Dies ist ein unveränderter, nur im Layout angepaßter Originalartikel. Das Copyright liegt selbstverständlich bei der Südwestpresse in Ulm. |
Nicht allein und nicht ins Heim
TÜBINGEN (bek). Zum ersten Tübinger Wohnprojekte-Tag lädt das Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter am Samstag die Bevölkerung ein. Der Verein informiert im Gemeindehaus der Eberhardskirche über Mehr-Generationen-Projekte ebenso wie über Alterswohnen. Ein Beispiel finden die Besucher in der Gölzstraße: Seit drei Jahren verwirklichen dort zwölf Menschen ihren Traum vom Wohnen im Alter.
Willkommen in der Gölzstraße: Die Bewohner der Hausgemeinschaft (von links: Gertrud Dembowski, Heidrun Falk, Renate von Streit und Klaus Deiprich) erwarten morgen interessierte Besucher.
Bild: Metz
Am Anfang stand eine Schreckensvorstellung: die vom anonymen Lebensende im Pflegeheim. Heidrun Falk (65) drückt sich deutlich aus: "Was wir nicht wollen, ist, betreut und verwaltet zu werden." Beim Blick in die Runde erntet sie Zustimmung. "Wir kennen es zum Teil ja von unseren Eltern. Das ist hart", sagt eine andere Frau. Und ein Herr, mit seinen 60 Jahren der Benjamin, gibt zu bedenken: "Ins Pflegeheim gehen doch die wenigsten aus freien Stücken." In der Gölzstraße haben die zwölf Frauen und Männer daher ihre persönliche Alternative aufgebaut für ein selbstständiges Wohnen im Alter. "Gemeinsam, nicht allein - nicht allein, nicht ins Heim", lautet die Losung der Hausgemeinschaft, die nun seit genau drei Jahren in der Gölzstraße unter einem Dach wohnt.
Gästezimmer für Pflegepersonal
Die Paare und Einzelpersonen haben im Haus jeweils abgetrennte Wohnungen. Dachterrasse, ein Stück Innenhof und Gemeinschaftsraum teilen sie sich. Auch zu gemeinsamen Unternehmungen treffen sie sich: Theaterbesuche, Musikabende, Geburtstagsfeiern, Ausflüge.
Hilfe versprechen sich die Bewohner von ihrem Projekt vor allem, wenn der eine oder andere nicht mehr so rüstig ist wie jetzt. "Wir können uns dann nicht gegenseitig pflegen, aber schauen, dass die Pflege funktioniert", sagt eine Frau. Die Bewohner, allesamt Eigentümer, haben deshalb Vorkehrungen getroffen: In dem altengerechten Neubau wurden Gästezimmer geschaffen, in die bei Bedarf auch Pflegepersonal einziehen kann. Für die Bewohner ist das die angenehmste Lösung. Und auch der Staat spart ja das Geld für teure Heimplätze, merkt eine Frau an.
Gefunden hatten sich die Bewohner über das Forum für gemeinschaftliches Wohnen. Bis sich die Gruppe gefestigt hatte, verging einige Zeit. Die Grundstückssuche dauerte ein weiteres knappes Jahr. Die Vorbereitungen für den Lebensabend begannen bei den zwölf Frauen und Männern also früh - viele Gleichaltrige im Bekanntenkreis dachten zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht über eine eventuelle spätere Pflegebedürftigkeit nach und reagierten verwundert. Die Wohngemeinschaft war für manchen Beteiligten anfangs ein schwerer Schritt - sowohl finanziell, da die Gruppe ihr Projekt komplett in Eigenregie verwirklichte, als auch emotional: Die meisten lebten zuvor viele Jahre im eigenen Haus, von dem sie sich nun trennten. "Vielleicht hängen die Süddeutschen mehr an ihrem Häusle", vermutet ein 77-Jähriger. Wohnprojekte sind hier nämlich noch selten. Die Gemeinschaft in der Gölzstraße war so auch die erste ihrer Art in Tübingen. Weitaus häufiger gibt es solche und ähnliche Projekte in den Niederlanden und den nördlichen Bundesländern. Bremens Noch-Bürgermeister Henning Scherf zählt zu ihren prominentesten Bewohnern.
Solidarität als Projekt
Um das Bewusstsein für diese Art des Zusammenlebens zu schärfen, organisiert das Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter nun den Aktionstag. Im Gemeindehaus der Eberhardskirche spricht Tübingens Baubürgermeisterin und Schirmherrin des Wohnprojekte-Tags, Ulla Schreiber, über die "Bedeutung gemeinschaftlicher Wohnformen für die Stadtentwicklung". Die Vorsitzende des Bundesverbandes, Gerda Helbig aus Hannover, stellt ihre Erfahrungen dar. Im Gemeindehaus können sich die Besucher über verschiedene Wohnprojekte informieren, zum Beispiel über das Tübinger Beginenhaus, in dem alleinstehende Frauen leben. Besichtigt wird neben der Gölzstraße auch das noch im Entstehen begriffene Projekt Solidarité im Französischen Viertel. Wenn das Gebäude fertig ist, sollen dort junge Familie ebenso wie Senioren unter einem Dach wohnen. Diesen Mehr-Generationen-Projekten, so Tübingens Forums-Vorsitzender Michael Lechler, gehört die Zukunft. Daher will das Forum für gemeinschaftliches Wohnen den Namenszusatz "im Alter" bald streichen. Der Bundesverband hat das bereits getan.